Wo heute Kinder spielen und die Gartenfreunde fröhliche Gartenfeste feiern war auch einmal ein Ort mit einer schrecklichen Vergangenheit.
Unser Dank gilt Gartenfreund Sönke Petersen für seine Mithilfe.
Harry Reiff 1. Vorsitzender



Kleingartengelände „Neuen Koppel“ – ein Ort mit bewegter Vergangenheit.
Von Sönke Petersen




Aller Orten kann man in unserer Kleingartenanlage „Neue Koppel“ auf Relikte eines ehemaligen Barackenlagers treffen. Für alle sichtbar ragen noch heute an allen Ecken und Enden Betonreste aus dem Boden. Teile von Wänden und Fundamenten wurden in die heutige Bausubstanz einbezogen. Auch der frühere Löschteich ist immer noch da. Wie ein Pfahl im Fleisch liegen Mitten in der Gartenanlage die Ruinen eines gesprengten Bunkers.


Wenn auch nicht bewusst, so erinnert all dieses heute noch an das einstige Lager „Speckenweg“. In der Nähe des Tores zur Bahn hin lag unbeachtet jahrzehntelang ein Fels, auf dessen Unterseite eine Beschriftung auf dieses Lager hinweisen sollte. (Gemäß einer Aussage des vor Jahren verstorbenen Gartenfreundes Stepputis.) Im Rahmen einer Gemeinschaftsarbeit des Kleingärtnervereins Mönkeberg am 18. April 2009 wurde der Stein wieder aufgerichtet. In der Tat fand sich auf diesem eingemeißelt die Bezeichnung:

Gemeinschaftslager

Dietrichsdorf II

1942

 

Zwangsarbeiterlager „Speckenweg“



In Neumühlen-Dietrichsdorf gab es über die Kriegsjahre insgesamt 11 größere und kleinere Zwangsarbeiterlager. Deren Bewohner arbeiteten hauptsächlich auf der Howaldtswerft (zwischen 1939 und 1943 hieß sie Kriegsmarinewerft) aber auch auf den Anschützwerken, der Holsatiamühle, eigentlich fast bei allen Betrieben. Ab 1938 entstand im Stadtteil für die Arbeiter der „Kriegsmarinewerft“ ein völlig neues Wohnquartier, das s.g. „Afrikaviertel“. Die Arbeitskräfte, welche zum Bau der Häuser eingesetzt wurden, kamen aus fast allen besetzten Ländern. Sie lebten hauptsächlich im „Bauarbeiterlager I.“ (auch Dietrichsdorf I. oder Lager Ivensring genannt) und im „Bauarbeiterlager II.“ ( auch Dietrichsdorf II. oder Lager Speckenweg genannt). Letzteres wurde vermutlich im Jahre 1941 errichtet.


Zunächst einige Erläuterungen zur damaligen Situation:
Mit Fortdauer des zweiten Weltkrieges wurden immer mehr Arbeitskräfte aus der Kriegswirtschaft abgezogen um an den Fronten zum Einsatz gebracht zu werden. Bereits 1939 fehlten im „Reich“ 1,2 Mio. Arbeitskräfte, die man zunächst bei den Verbündeten (z.B. Italien) und in den besetzten Gebieten anzuwerben versuchte. Dieses war nur von untergeordnetem Erfolg beschieden. So ging man zu Repressalien und Druck auf die dortigen Bevölkerungen über. Im Terminus der NAZI wurden diese geworbenen oder gepressten Arbeitskräfte „Fremdarbeiter“ genannt. Die Geschichtswissenschaft spricht heute von „Zwangsarbeitern“. Im August 1944 waren davon bereits 5,8 Mio. im Einsatz, darunter 2,8 Mio. aus der UdSSR und 1,7 Mio. aus Polen. In Polen wurde ab Frühjahr 1940 und in der Sowjetunion ab März 1942 Männer und Frauen, ja sogar Kinder zwangsweise zum Arbeitseinsatz ins „Reich“ deportiert. Sie wurden in ihren Heimatländern oft sogar von der Straße oder dem Arbeitsplatz weg regelrecht eingefangen. Russen, als „Ostarbeiter“ bezeichnet, lebten in bewachten Lagern, erhielten trotz körperlich schwerster Arbeit nur die Hälfte der sonst üblichen Essensrationen und waren ständigen Repressalien und Schikanen ausgesetzt. Bei Bombenangriffen durften sie als „Untermenschen“ nicht mit in die schützenden Bunker. Im Gegensatz dazu konnten sich die Arbeitskräfte der übrigen Nationen relativ frei bewegen. Sie erhielten für die geleistete Arbeit Lohn und unterlagen der Sozialversorgung, so wie auch die „reichsdeutschen“ Arbeitnehmer.

 

Die ersten Bombenopfer



Bereits ab 1940 erfolgten verstärkt und immer häufiger Bombenangriffe der Amerikaner und Engländer auch auf die Werften und Arbeiterwohnquartiere des Kieler Ostufers. Am 9. August 1941, kurz nach Mitternacht erwischte es nun auch das Lager „Dietrichsdorf II.“. Der Alarmposten im Kieler Rathaus, Detlef Boelck berichtete darüber: „....... Spreng- und Brandbomben beschädigten bzw. zerstörten das Versuchsgut Friedrichsort und Baracken in Neumühlen (Anm. gemeint ist Neumühlen-Dietrichsdorf) in denen Italiener wohnten. Hier kamen elf Angehörige der verbündeten Nation ums Leben. Darauf hin bekamen die Lebenden es mit der Angst und wollten in die Heimat zurück........“
Es fanden den Bombentod: Christophore Z., Angelo L., Guido M.,Guglielmo P.,Medici K., Luigi K., Constanino L., Vinzenzo E., Ivo G., Antonio E. und Giovanni E. Man errichtete für sie ein Erinnerungszeichen, dass nach Zeitzeugenaussagen noch etliche Jahre nach dem Krieg existiert haben soll. Ob damals der Bunker noch in Bau war, die Italiener den Bombenalarm missachteten oder gar keine Alarmierung erfolgte, entzieht sich der Kenntnis des Chronisten. Weiter Bombenopfer sind in den Folgejahren für diesen Ort in den Unterlagen nicht verzeichnet. Erwähnt werden sollte, dass neben den Lagerinsassen auch die Bewohner des oberen Teils von Mönkeberg in einem Extraraum Zuflucht im Lagerbunker fanden: Einige von denen konnten später als Zeitzeugen befragt werden. Der Bunker wurde bereits kurz nach Kriegsende, am 6. oder 8. Juli 1945 von der englischen Besatzungsmacht gesprengt.


Ein weiter besonders schwerer Bombenangriff mit katastrophalen Folgen auf das Lager „Speckenweg“ erfolgte im Spätsommer 1944. Das genaue Datum lässt sich nicht ermitteln, es spricht aber vieles für den 16. September. Zu dieser Zeit befanden sich neben den anderen Nationen in einem besonders eingezäunten Areal ein Lager für russische Kriegsgefangene, die ebenfalls zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Wie bereits oben ausgeführt, durften die Menschen aus der Sowjetunion bei Bombenangriffe keine Schutzbunker aufsuchen. Sie konnten lediglich in Splitterschutzgräben notdürftig unterkriechen. Offensichtlich durch die Explosion einer Luftmine kamen in dieser bewussten Nacht 97 Russen ums Leben. Bei diesem Angriff soll auch der Bunker einen Treffer erhalten haben, der aber keinen weiteren Schaden für die Insassen zur Folge hatte. Als man nach der Entwarnung aus dem Bunker kam „hingen und lagen um die Splitterschutzgräben herum zerfetzte Körper“ so weiß ein Zeitzeuge zu berichten. Die Gefallenen wurden hernach westlich des Feldwegs Specken in einem Bombentrichter unweit des heute hier vorhandenen Gittermastes beerdigt. Das Lager wurde nach erheblichen Zerstörungen offensichtlich noch im selben Jahre aufgelöst.


Ein würdiges Begräbnis.


Im „Norddeutschen Echo“ (einer kommunistischen Zeitung) schreibt der Betriebsrat der Howaldtswerke, Heinrich Stich am 29.10.1947 bezüglich des Massengrabes unter der Überschrift „Das vergessene Grab“ u.a. folgendes: „...... Ein Kreuz von Stein und eine primitive Einzäunung zeigen die Stelle des Todes und des Friedens in einem sehr verwahrlosten Zustand. Es ist unbedingt erforderlich, daß die Kriegsgräberfürsorge sich dieses vergessenen Grabes annimmt und in einen würdigen Zustand versetzt......“


Zwei Jahre später, am 10. August 1949 morgens um 6.00 Uhr begann unter der Leitung des Vollzugsdienstes des Kieler Ordnungsamtes die Ausgrabung der Leichen. „ .... Es waren keine besonderen Vorkommnisse zu verzeichnen. Das Massengrab wurde restlos geräumt. Es muß jedoch ergänzend berichtet werden, dass diese ausgegrabenen Leichen sich noch in einem gut erhaltenen Zustand befanden und dieses wohl auf die Lagerung derselben in einer Lehmschicht zurückzuführen ist......“ so im damaligen Bericht des Amtes nachzulesen. Um allen Eventualfällen (Andrang von Neugierigen usw.) vorzubeugen, wurden für die Ausgrabung zwei uniformierte Schutzpolizisten herangezogen. Ein Zeitzeuge der bei der Ausgrabung zugegen war berichtete, dass die Leichen schichtweise mit jeweils einer Lage Tannengrün dazwischen, bestattet waren. Die Leichnamen seien noch gut erhalten gewesen, aber es soll ein entsetzlicher Leichengeruch vorhanden gewesen sein. Ein Offizier war abseits, gesondert in einer Holzkiste bestattet. Bei der Aktion waren drei sowjetische Offiziere zugegen. Die exhumierten russischen Soldaten fanden hernach auf dem Nordfriedhof im Kriegsgräberfeld ihre letzte Ruhe. Heute noch erinnern die 97 namenlosen Grabsteine an diese düstere Vergangenheit.


Nach Ende des Krieges bezogen Flüchtlinge und Ausgebombte das zerstörte Lager und richteten sich zunächst notdürftig in den Ruinen ein. Bewohner aus Mönkeberg nahmen das Areal in Besitz machten das Land urbar und legten Gärten an.


 

Unser Gartengelände Neue Koppel in der Bildmitte mit dem Hochbunker.Davor die Bahn zum heutigen Ostuferhafen












Ein Brief aus dem Lager


Quelle Kieler Nachrichten
letzte Änderung: 02.06.2014